Mein Dreitage-Traum von einem Gartenbrunnen

Es begann damit, dass Markus im Herbst 2009 beim Hefeweizen fragt: "Sollen wir Dir mal einen Brunnen machen?"


Als wir vor gut 10 Jahren ins Elternhaus meiner Frau nach einem gründlich Um- und Ausbau einzogen, erzählte mein neuer Nachbar von einem Brunnenbohrversuch ein paar Jahre vorher, der aber nicht zu Wasser führte. Damit war dann das Thema Brunnen für mich erledigt.

Eine Zisterne hatten wir in den Garten versenkt, in dem sich das Regenwasser vom Dach sammelte. Das hat aber nicht lange gereicht, je nach Frühjahr oder Sommerwetter. Zwei weitere Tanks von je einem cbm wurden später automatisch aus der Zisterne aufgefüllt, wenn genug Regen fiel. Trotzdem musste der Garten oft noch aus der Trinkwasserleitung bewässert werden.

Innerliche Vorbereitung

Nachdem dann Markus gefragt hatte "Sollen wir Dir mal einen Brunnen machen?", ließ mir das aber keine Ruhe mehr. Im Internet findet man ja so viel Hinweise, Foren, Filme bei youtube u.s.w.

Weiteres Rumfragen in der Nachbarschaft brachte eine ganze Menge Brunnen zum Vorschein. Gespült, bebohrt und geschlagen, 8 m tief Betonringe eingegraben. Schräg über die Straße war vor meiner Zeit hier eine öffentliche Pumpe. Handschwengelpumpe. Also nicht tiefer als 7-8 m.

Ich habe bei der unteren Wasserbehörde nachgefragt, die aber keine Ahnung haben. Die sagten nur, dass beim Straßenbau manchmal ab 1,5 m schon Schichtenwasser ist.

Eine Wasserbaufirma, die gut 300 m entfernt ein Grundstück für einen Neubau entwässert hat, indem sie 4 m lange Rohre in die Erde trieben und dann Wasser abgepumpt hat wie die Geisteskranken, meinte auf Anfrage, dass bei mir mindestens 8 m Feinsand wäre, bevor eine dicke Tonschicht käme. Wasser wäre genug da.

Der Herbst verging, aber in dem Jahr haben wir nichts mehr auf die Reihe gekriegt.

Auch das Frühjahr 2010 nahm seinen Lauf, doch terminliche Gründe ließen die Zeit bis eine Woche vor Pfingsten vergehen, bis Markus mit André hier auftauchte und André seine Wünschelrute auspackte.

Kreuz und Quer durch den Garten, hier einen Stein hingelegt, dort einen Stein hingelegt. Dazwischen sollen die Wasseradern sein. Die seiner Meinung nach ergiebigste Stelle war da, wo ich nicht unbedingt wollte. Also noch einmal radiästhesiert und eine weitere Stelle war gefunden.

Jetzt musste ich nur noch in der Nähe der Markierung ein Loch von ca 1 cbm machen und mit Wasser befüllen, weil das Brunnenloch gespült wird. Und dafür braucht man eine Menge Wasser.

Die Arbeit beginnt.

Rasen ausstechen und aufrollen, denn hinterher soll das Loch ja wieder zu und nicht zu viel Flurschaden gemacht werden. Der Aushub wird auf eine Plane gebracht, damit nicht zu viel Erde den Rasen abdeckt.

Unsere Katze war dabei eine große Hilfe.

Am Anfang war es einfach, aber je tiefer man kommt, um so höher muss man die Schaufel heben. Zum Schluss wurde sogar das Rauskrabbeln schwerer. Die fehlenden Kondition und das fette Leben machten sich bemerkbar.

Nach gut einem Meter Mutterboden kam eine Schicht Moor, oder war es Asche aus der Vergangenheit. Danach gelber Sand.

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Die Vorbereitungen sind fertig, es kann losgehen.

Früh am Morgen stehen meine Brunnenbauer vor der Tür und alles wird erst einmal reingeschleppt.

Das Wasservorratsloch ist mit einer Plane ausgelegt, damit das Wasser nicht so einfach im Boden verschwindet.

Lange Schläuche, eine Wasserpumpe, die 1000 l in der Minute pumpen kann und die Spüllanze werden bereitgestellt.

Alles wird zusammengeschraubt, die Pumpe angeschmissen und die Lanze in die Erde geschoben.

Das erste Wasser erscheint, es ist aber nur das, was wir selbst reinpumpen.

Damit das Wasser eine bessere Viskosität erhält und die ausgespülte Erde besser trägt, wird es mit Tapetenkleister angedickt.

Recht schnell erreichen wir eine Tiefe von ca. 7/8 m und der Sand wird fein und weiß. Das ist ein gutes Zeichen.

Plötzlich ist das ganze Wasser weg und wir müssen den Wasservorrat wieder aus der Wasserleitung auffüllen. Das Ganze ist uns dreimal passiert und wir hatten den Eindruck, da unten ist ein großes Loch, das wir auffüllen.

Dann auf einmal passiert es. Das Wasser verschwindet wieder und nachrückender Sand verklemmt die Spüllanze derartig, dass sie sich nicht mehr bewegen läßt.

Mit eine Hebel versuchen wir sie wieder ans Tageslicht zu bringen, was aber nicht gelingt.
Der Schlauch reißt vom Gewinde der Lanze ab und die bleibt für die Archeologen in kommenden Jahrtausenden in gut 7 m Tiefe.

Der Rest der Arbeiten heute sind Aufraumen und Saubermachen.

Wir machen aber aus, an der ersten, von André gewünschelten Stelle in kurzer Zeit noch einen Versuch zu machen.

Gegen Mittag ist alles (fast) wieder wie vorher.

Eine Vesper schmeckt uns trotztdem.

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Vier Wochen später wird der zweite Versuch gestartet.


Hierzu etwas mehr Text.

Diesesmal wird da gebohrt, wo André zuerst bohren wollte. Man soll sich immer auf das erste Gefühl verlassen. Sagt er.

Weil da der Platz etwas begrenzter ist und ich auch keine Lust habe, ein weiteres Loch zu buddeln, ist mir im Schlaf eine Lösung eingefallen.

Markus hat ein altes Fischbecken, das als Wasservorratsbehälter dienen kann. Wasser fließt aber nicht bergauf. Darum muss das Bohrloch nach oben verlängert werden. Mit einem dicken KG-Rohr und einer Abzweigung soll das gelingen. In dem Rohr wird dann gespült und das Wasser muss nur noch einen halben Meter höher, um wieder in das Becken zurückzulaufen. Mal sehen, ob das funktioniert.

Nachdem wieder alles vorbereitet ist, machen wir noch einmal eine halbe Stunde Pause. Ein wichtiges Teil, ohne das es nicht geht, nämlich der Ansaugschlauch, ist zu hause liegen geblieben. Muss noch geholt werden.

Dann geht es los und es funktioniert einwandfrei. Nach ganz kurzer Zeit sind wir schon bei 9 Meter Tiefe angelangt. Da ist dann eine Tonschicht, die starken Wiederstand leistet.

Ein paar Minuten spülen, ohne was zu tun. Lanze raus, ein Augenblick später ist das Loch wieder um zwei Meter kürzer. Es läuft blitzschnell wieder der Sand zu. Auch ist auf einmal wieder das Wasser weg. Als das Wasser den ausreichenden Stand hat, ist die Lanze einbetoniert, wie beim letzten Bohrtag. Wir versuchen, mit einem zweiten Schlauch die Lanze frei zu spülen. Zügig verschwindet der Schlauch im Boden.

Plötzlich ist im Rasen in drei Meter Entfernung ein arthesischer Brunnen. Das Wasser sprudelt nur so aus der Wiese. Der gebogene Schlauch hat sich ohne Führung durch eine Lanze so wie er war im Kreis wieder nach oben gebohrt.

Nach einigen Versuchen mit einem Hackklotz und einem vier Meter langen Rohr als Hebel gelingt es uns aber doch, die Lanze wieder frei zu bekommen, ohne das der Schlauch abreißt. Wir haben uns auch gewundert, dass das noch geklappt hat.

Beim nächsten Spülversuch drückt das Wasser aus dem Loch im Rasen und wir kommen nicht tiefer.

Jetzt wird das obere Ende des Lochs mit 4 m KG-Rohr bestückt. Das Wasser kann nicht mehr den Nebenausgang benutzen und wir kommen wieder tiefer, versuchen den Filter mit Rohr in die Tiefe zu bringen, was aber nicht so geht, wie wir uns das erhofft haben.
Noch zweimal verschwindet unser Wasser, ohne wieder an die Oberfläche zu kommen. Immer wieder fällt das Loch in ca. 6 m zu.

Wir brechen ab.

Das Loch ist wieder nur 6 m. Doch diesesmal lass ich das Loch stehen und schütte es nicht zu.

Zum zweiten Mal packen wir alles wieder mit hängernde Unterlippe zusammen. Das hatten wir uns heute anders vorgestellt, zumal wir mit der Lanze schon bei 9 Meter waren und nur weil wir nicht gleich den Filter gesetzt haben, sondern die Tonschicht durchstoßen wollten, ist anschließend immer wieder das Bohrloch zusammengefallen.

Nach dem Aufräumen lasse ich mal ein Lot ins Loch fallen und komme auf 530 cm, davon sind 50 cm des Bandes nass und man kann Wasser hören.

Der gestrige Bohrtag ist Vergangenheit.



Nach dem Frühstück gehe ich wieder in den Garten, sehe ins Brunnenloch aus KG-Rohr und hoffe, heute hochgedrücktes Wasser zu sehen. Nix is.

Mit dem Lot versuche ich den Grund des Lochs zu finden. Das Gewicht setzt bei 530 cm wieder auf, es ist also nicht weiter zusammengefallen/flossen. Aber der Grund steht nicht mehr unter Wasser. Der Wasserspiegel ist doch weiter unten. Scheiße.

Aber ich habe schon eine neue Idee. Nach unserem Urlaub versuche ich es mit einem Rammbrunnen. Die 6 bis 9 Meter waren leichter weißer Sand, der ist wasserführend. Da sollte der Rammfilter leicht reingehen und darunter ist die feste Tonschicht, die kein Wasser durchläßt.

Nach dem Wochenende gehe ich auf die Pirsch, Brunnenbaurohre zu fangen. Dabei gelange ich an eine Brunnenbaufirma dieser Stadt. Der Inhaber der Firma fragt mich, wo ich denn wohne. Ich sag es ihm und er erzählt, dass er ein paar hundert Meter weiter in der gleichen Straße wohnt.

Und er kennt die Geologie der Gegend ganz genau. Er erzählt, dass da wo ich wohne, nach ca. 9 Metern eine Tonschicht kommt. Das wussten wir ja auch schon. Aber jetzt kommt’s. Die Tonschicht ist 50 Meter stark. Nur mit viel Geld zu durchbohren. Unser Grundstück liegt auf dem Scheitel einer Tonwelle, also ganz oben. Da brauchen wir gar nicht anfangen zu bohren. Es sei denn, wir wollten 70 m tief.

200 Meter die Straße hoch ist ein Tal im Ton, da kommt in 19 Metern erst die Tonschicht. Da fließt das Wasser wie durch einen Fluss. 100 Meter in die andere Richtung ist auch wieder Wasser, da liegt die Tonschicht auch wieder tiefer. Nur unser Grundstück und ein paar Benachbarte links und rechts haben nicht genug Wasser.
Das wussten unsere Ahnen in der Vorzeit sicher auch schon, denn aus dem Grund sind hier auch keine Brunnen, die haben sicher auch gebuddelt.

Ich habe mir eine Wasseruhr für den Garten gekauft, schon installiert und morgen kommt jemand von den Stadtwerken, der die Uhr verplombt. Für das Geld, dass ich jetzt für den Brunnen gespart habe, kann ich eine ganze Zeit lang den Garten mit Trinkwasser gießen.

Wäre aber schön gewesen, einen Brunnen zu haben.

Danke an Markus und André, es gab zwar keinen Brunnen, es waren aber zwei ereignisreiche lustige Tage.

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